Breitbandausbau in Ilmenau 2017: Status Quo und Ausblick

Gepostet Von am Feb 2, 2017


Alle Jahre wieder widmen wir uns dem Status Quo in Sachen Breitband-Internet in Ilmenau. Das taten wir auch vergangenen Dienstag wieder bei unserem wöchentlichen Stammtisch im AQUI. Anwesend waren die Stadträte Gunther Kreuzberger, Rolf Macholdt und Daniel Schultheiß, genau wie interessierte Bürgerinnen und Bürger. Besonders interessant waren die Meinungen zweier Anwesender, die in der IT-Branche Ilmenaus tätig sind und einen Einblick in die Bedürfnisse der Unternehmen beisteuern konnten. Anlass für den Stammtisch war ein Vortrag der Kreisverwaltung zur Stadtratssitzung am 26. Januar, in dem die Breitbandabdeckung in Ilmenau vorgestellt wurde. Mit einem Bundesförderprogramm sollen nun auch die letzten Lücken geschlossen werden. Daniel Schultheiß hat mit verschiedenen Anbietern gesprochen, sich öffentlich zugängliche Daten organisiert, mehrere Gespräche mit dem Thüringer Breitband-Kompetenzzentrum geführt und als Einführung alle Informationen zusammen gefasst. Diese sind Basis für den folgenden Beitrag. Vorneweg kann man bereits sagen, es hat sich einiges getan in Ilmenau und Umgebung in den letzten zwei Jahren.

Politische Zielstellungen

Bis zum Jahr 2014 wurden in Deutschland nahezu alle Ziele der Breitbandstrategie der Bundesregierung phänomenal verfehlt. 2010 sollten alle Haushalte über 1 MBit/s verfügen und 2014 sollten 75% aller Haushalte über 50 MBit/s verfügen (beide verfehlt). Die Hinzunahme von Funktechnologien, die den Menschen vor Ort zwar theoretisch zur Verfügung stehen, aber praktisch eine Menge Nachteile aufweisen und meist unverhältnismäßig teuer sind, war maximal zum Kaschieren einer verfehlten und nicht zeitgemäßen Strategie geeignet. 2015 erfüllte dann das Land Thüringen sein eigenes Ziel, alle Haushalte mit 2 MBit/s anzubinden. Offene Ziele sind für 2018 50 MBit/s für alle deutschen Haushalte (Breitbandstrategie der Bundesregierung) genau wie 2020 30 MBit/s für alle und 100 MBit/s für 50% der europäischen Haushalte (Digitale Agenda der EU). Wir möchten davon ausgehen, dass es unser Anspruch in Deutschland ist, zu diesen 50% zu gehören.

Status Quo in Ilmenau und den (zukünftigen) Ortsteilen

Breitband in Ilmenau und Umgebung

Vor allem lokale Unternehmen wie die newone GmbH (Eichicht, Am Friedhof, Hüttenholz, Stollen, Vogelherd, Südviertel) und Ilm-Provider (Bücheloh, Wümbach, Gräfinau-Angstedt, Jesuborn, Martinroda, Pennewitz) haben in den letzten Jahren zum zunehmend guten Ausbaustand in Ilmenau und Umgebung beigetragen. Die Telekom hat im vergangenen Jahr unerwartet ein VDSL (Vectoring) Ausbauprogramm gestartet wodurch sich die Versorgung weiter positiv entwickelt hat. Laut oben genanntem Vortrag im Stadtrat sind in Ilmenau Stand heute 16364 von 16393 Haushalten theoretisch mit mindestens 30 MBit/s versorgt. Für 1489 von 1500 Unternehmen gilt das selbe.

Die Ilmenauer Ortsteile Manebach, Heyda, Roda, Oberpörlitz und Unterpörlitz sind nach Information der verschiedenen Unternehmen dabei weitgehend versorgt. Laut Telekom liegt in allen genannten VDSL mit 100 MBit/s an, Heyda ist außerdem auch durch newone angebunden. Die neu hinzukommenden Ortsteile Wolfsberg, Gehren und Langewiesen sind neben den bestehenden lokalen Angeboten nun ebenfalls von der Telekom mit VDSL versorgt worden. Potenzielle Beitrittskandidaten wie Martinroda und Stützerbach auch. Das klingt erst einmal gut, wenn man an die Situation vor zwei Jahren zurück denkt. Die wenigen noch bestehenden Lücken könnten mit einem erfolgreichen Förderantrag durch den Ilm-Kreis geschlossen werden.

Wo wurden große Lücken geschlossen?

Entwicklung des Breitbandausbaus seit 2014

Schaut man sich den Entwicklung seit 2014 an, wurden die größten Lücken in Langewiesen (mit Oehrenstock), Pennewitz (jeweils über 50% Zuwachs) und Ilmenau selber (mit allen bisherigen Ortsteilen, zwischen 10 und 50% Zuwachs) geschlossen. Im Gegenzug war die ländliche Gegend um Ilmenau wie Martinroda oder Wolfsberg vor allem durch das Engagement der lokalen Anbieter schon relativ gut versorgt.

Wo muss nachgebessert werden? Lückenschluss mit Fördermitteln

Die vom Ilm-Kreis identifizierte Lücke von 29 Haushalten und elf Unternehmen betrifft konkret das Gebiet im Hammergrund in Ilmenau und einige Haushalte in Manebach. Durch eine Versorgung von unter 30 MBit/s fallen diese in die Förderbedingungen und können im Falle eines positiven Förderbescheids mit mindestens 30 MBit/s ausgebaut werden. Der Lückenschluss soll dann in den Jahren 2018 und 2019 umgesetzt werden. Damit soll das Ziel, den kompletten Ilm-Kreis – und damit auch Ilmenau und seine zukünftigen Ortsteile – mit mindestens 30 MBit/s zu erschließen, erreicht werden. Wenn man im Hinterkopf hat, dass das Ziel der Bundesregierung für 2018 bereits 50 MBit/s sind und 2020 100 MBit/s stehen sollten, könnte das aber bereits bei Abschluss der Arbeiten schon wieder hinter den politischen Zielstellungen liegen, wenn man beim Ausbau nicht über die 30 MBit/s hinausgeht.

Ausblick in die Zukunft einer technologisch geprägten Region

Als Technologieregion und Universitätsstadt dürfen wir uns auf diesem erst einmal positiv erscheinenden Bild nicht ausruhen. Wir müssen die Zukunft im Blick behalten, vor allem für unsere technologieorientierten Unternehmen, aber auch für die Menschen vor Ort, für die das Internet zum alltäglichen Instrument geworden ist.

Bedarf in Zukunft

Wir gehen davon aus, dass der Bedarf an Breitbandinternet weiter wächst. Unternehmen übertragen größte Datenmengen in die ganze Welt und eine Kommune, in der das technisch nicht möglich ist, hat einen Standortnachteil. Die High-Tech-Strategie der Bundesregierung mit ihrem Schlagwort „Industrie 4.0“ wartet nicht, bis vor Ort die Leitungen den Erwartungen entsprechen. Im Gegenteil, die Unternehmen orientieren sich in Regionen, in denen diese Bedingungen erfüllt sind. Vernetzte Maschinen, sensorische Daten, die über das Internet verarbeitet werden, technische und medizinische Assistenzsysteme und die Dezentralisierung von Entscheidungen und Unternehmensstandorten zählen zu diesem Schlagwort. Wenn man als Region die dafür nötige Infrastruktur bietet, ist der Standortvorteil nicht von der Hand zu weisen. Dazu muss man aber nicht gerade mal eben die politischen Ziele (50 oder 100 MBit/s) erfüllen, sondern weit darüber hinaus gehen, um zukunftsfähig zu sein. Für Unternehmen ist hierbei der Upstream (Rückkanal) häufig wichtiger als der Downstream, weshalb sie schon heute auf synchrone Leitungen – d.h. Leitungen, die in beide Richtungen die gleiche Geschwindigkeit anbieten – angewiesen sind. Diese kosten dabei häufig ein Vielfaches des normalen (V)DSL-Anschlusses.

Auch im privaten Umfeld wächst der Bandbreitenbedarf. Je nach Quelle wird typischerweise ein Faktor von 1,5 bis 2 pro Jahr angenommen. Das bedeutet Jahr für Jahr vereineinhalbfacht sich der Bedarf nach Bandbreite. Ein plastisches Beispiel hilft hier vielleicht. Fernseh-Streaming bei Amazon Instant Video oder Netflix funktioniert in höchster (UHD) Auflösung ab 25 bis 30 MBit/s halbwegs störungsfrei. Das dürfte nach aktuellem Stand auch so ziemlich das bandbreitenintensivste Nutzungsbild in Privathaushalten sein. Wenn man bedenkt, dass heute nahezu ausschließlich IP-basiert telefoniert wird und die Kinder im Haushalt nebenbei noch surfen, lässt sich 30 MBit/s als Mindestvoraussetzung im Jahr 2017 annehmen. Wenn man aktuell per VDSL mit 100 MBit/s angeschlossen ist, klingt das erst einmal komfortabel. Die benötigten Dienste werden aber nicht anspruchsloser und neue Technologien wie elektronische Gesundheitsdienste und Ferndiagnose-Systeme für eine alternde Gesellschaft sind auf dem Sprung in die Marktreife. Wie weit kommen wir also mit unseren 100 MBit/s von heute, wenn wir beim aktuellen Bedarf von 30 MBit/s den Faktor 1,5 ansetzen?

Jahr Bedarfsentwicklung mit Faktor 1,5
2017 30 MBit/s
2018 45 MBit/s
2019 67,5 MBit/s
2020 101,25 MBit/s
2021 151,86 MBit/s
2022 227,81 MBit/s

Das deutsche Ziel von 50 MBit/s im Jahr 2018 und das europäische von 100 MBit/s im Jahr 2020 sind also gerade mal Punktlandungen und im Jahr darauf schon wieder deutlich unter dem Bedarf. Daher muss es uns in Ilmenau vor allem ein eigenes Anliegen sein, die Netze über den politisch verordneten Standards zu halten.

Zukunftssicherheit der bestehenden Netze

Wie zukunftssicher sind denn die bestehenden Netze und Technologien? Das lässt sich für Ilmenau uns Umgebung nur bedingt beantworten. Glasfaser-Netze (Fiber to the home – FTTH), wie sie im neuen Wohngebiet am Friedhof durch newone betrieben werden, sind die einzig wirklich zukunftssichere Technologie. Da besteht Konsens. Die neu errichteten Kabelverzweiger (KVz) mit aktiver Technik, die in Vielzahl wie viereckige Pilze im letzten Jahr aus dem Boden gewachsen sind, sind zwar mit Glasfasern angebunden, aber die Verbindung zu den einzelnen Haushalten findet über die alten bestehenden Kupferleitungen statt. Der Vorteil der VDSL-(Vectoring-)Technologie, die darüber läuft, liegt auf der Hand. Es können momentan über die alten Kabel recht hohe Bandbreiten bedient werden. Ob technisch eine weitere Erhöhung möglich ist, ist unklar. Kupfer wurde schon häufig tot gesagt, hat aber immer wieder für Überraschungen gesorgt. Ob in den Kabelverzweigern genug Glasfasern liegen, um von diesen jeden Haushalt im Einzugsbereich zumindest theoretisch mit Glasfaser zu versorgen ist dabei unklar. Diese Frage konnte uns nicht einmal das Breitband-Kompetenzzentrum beantworten, da die Telekom derartige Informationen nicht offenlegen muss. Es ist also fraglich, ob die Verzweiger wirklich zukunftssicher sind. Man kann aber wohl recht sicher davon ausgehen, dass das Unternehmen in den nächsten Jahren keinen erneuten Ausbau vor Ort finanzieren wird. Das bedeutet, wir bleiben mit den bestehenden Netzen bei diesen 100 MBit/s hängen und das weit über das Jahr 2020 hinaus. Außer wir engagieren uns als Kommune und unterstützen den weiteren Ausbau von Glasfaser-Netzen. Dabei gibt es verschiedene Möglichkeiten und Ansätze.

Leerrohre

Seit ca. drei Jahren werden bei allen Straßenbaumaßnahmen durch die Stadt Ilmenau Leerrohre mit verlegt, in die sich Anbieter einmieten können. Das war eine richtungsweisende Entscheidung und hat einigen politischen Überzeugungswillen gekostet. Es kann natürlich nach wie vor passieren, dass sich niemand in diese Rohre einmieten möchte, weil die Kosten für den Netzaufbau dennoch zu hoch sind, Hausanschlüsse weitere Kosten verursachen oder schlicht noch keine Nachfrage vorhanden ist. Gerade durch das nun ausgebaute VDSL-Netz wird die Nachfrage nach FTTH nicht steigen. Zumindest in den nächsten drei bis vier Jahren. Aber sie wird kommen, von Unternehmen und von Privathaushalten. Dann gilt es gerüstet zu sein.

Stadtwerke und kommunale Unternehmen

Es gibt außerdem bereits Kommunen, in denen die Stadtwerke die Breitbandversorgung mit Glasfaser in die Hand genommen haben. Weitere Pilotprojekte in Thüringen sind laut Breitband-Kompetenzzentrum angedacht. Wenn man als Kommune Breitband-Internet als Standortvorteil begreift und sich von den bundespolitischen Mindestzielsetzungen absetzen möchte, hat man hier viele Möglichkeiten. Stadtwerke und andere kommunale Versorger betreiben vielerlei Versorgungsleitungen wie Strom, Gas, Fernwärme, Wasser und Abwasser. Warum nicht auch Telekommunikationsnetze? Diese könnten dann entweder an andere Provider zur Datenübertragung vermietet werden – man betreibt also wirklich nur die Infrastruktur – oder man bietet auch Internetanschlüsse an.

DigiNetz-Gesetz

Eine weitere Chance für den Breitbandausbau mit Glasfaser und über die existierenden 30 bis 100 MBit/s hinaus könnte das frisch verabschiedete DigiNetz-Gesetz sein. Dieses garantiert zum einen eine Auskunftspflicht durch öffentliche Bauträger beim Bau/Instandsetzung von Versorgungsnetzen, wenn die Bauzeit über acht Wochen beträgt. Dazu zählen Telekommunikation, Gas, Elektrizität, Fernwärme, Straßen und Abwasser. Zum anderen kann darauf sogar eine Pflicht zur Mitverlegung von Hochgeschwindigkeitsnetzen für Kommunen und kommunale Unternehmen entstehen, sobald Bauarbeiten stattfinden und ein Unternehmen diese Mitverlegung einfordert. Dann kann man natürlich den Ausbau auch gleich selber forcieren.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass wir in Ilmenau und seinen zukünftigen Ortsteilen einen ordentlichen Ausbaustand erreicht haben. Dennoch dürfen wir die Zukunft nicht verschlafen! Als Technologieregion und Universitätsstadt sollte der Breitbandausbau Chefsache bleiben und zukunftssicher mit geeigneten Technologien vorangetrieben werden, anstatt sich auf die politischen Ziele von Bundesregierung und EU zu berufen oder sich dem guten Willen von Großunternehmen zu unterwerfen. Eine bestmögliche Unterstützung lokaler Unternehmen und die Übertragung von Aufgaben und Netzbetrieb an kommunale Unternehmen können ein Weg sein, in Sachen Breitband zukunftsfähig zu bleiben und damit über hochwertige Standortvorteile zu verfügen.